die Tierfreunde e.V.
Home Hintergrund Tierhaltung Demeter, Naturland & Co. Schlachtung Werbung Leben retten


Bio-Anbauverbände: Da gibt es doch auch „Gute“?

Die Bio-Anbauverbände (Bioland, Demeter, Naturland und Co) werben damit, noch viel strengere Kriterien anzulegen als die EU-Bio-Richtlinie. Der KonsumentIn wird suggeriert, dass es sich bei diesen Siegeln nochmal um eine ganz andere Kategorie handelt als "nur" EU-Bio. Dabei geht es auch hier nur um lächerliche Veränderungen. Die Hintergründe:

Haltung

Es gibt – unabhängig vom Biosiegel – tatsächlich Ausnahmehöfe, bei denen die Haltung augenscheinlich als in Ordnung erscheint: Bei z.B. Kühen könnte man das schaffen – bei z.B. Schweinen ist das allerdings so gut wie unmöglich. Aber auch die Demeter- oder Naturland-Siegel verhindern nicht, dass es dort Betriebe gibt, bei denen die Haltung insgesamt katastrophal ist. Sobald Menschen mit Tieren Geld verdienen, wird das an irgendeinem Ende zu Lasten des Tieres gehen. Zudem sind Beobachtungen wie „Kühe auf der Weide“ oder „Henne mit vollständigem Gefieder auf der Wiese“ oftmals nur Momentaufnahmen und/oder Teilaspekte des gesamten Leidensweges, durch welche keineswegs folgt, dass die Tiere deshalb „ein gutes Leben“ haben und glücklich sind.

Die Regel ist (auch bei Bio), dass nur die Kühe, die gerade ein paar Wochen pro Jahr nicht gemolken werden, auf der Weide sind. Etwa ein Drittel aller ökologisch gehaltenen Milchkühe lebt sogar in tierquälerischer Anbindehaltung (Quelle: BÖLW - Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft). Auch bei Demeter ist die Anbindehaltung von Milchkühen erlaubt – und Weideauslauf nicht Vorschrift. Die Demeter-Richtlinie hört sich zuerst nett an, besteht aber bei genauem Hinsehen oft aus weichen Soll-Vorschriften (statt harten Muss-Vorschriften) und Grundsätzen, von denen dann Abweichungen erlaubt werden. Typischer Fall: "Das Haltungssystem soll den Tieren freien Kontakt mit ihrer natürlichen Umwelt (Sonne, Regen, Erdboden, u.a.) gewähren. Dies soll insbesondere durch Weidegang, zumindest aber Auslauf erfolgen." (Demeter-Richtlinien, Stand 2012, Abschnitt 5.4). Heißt: Statt einer Weide tut's auch ein abgegrenzter Bereich auf dem Beton direkt am Stall. Wohlklingende Absichten mögen einigen redlich bemühten Demeter-LandwirtInnen ein Herzensanliegen sein und taugen gut für die Werbung, können aber unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht lange über dem ökonomisch Machbaren liegen, das die überprüf- und durchsetzbaren Mindeststandards definieren.

Auch der Umstand, dass voll befiederte „Legehennen“ auf der Wiese zu sehen sind, ändert nichts an dem Umstand, dass sie z.B. erheblich unter der Qualzucht leiden, fast täglich unter Schmerzen ein Ei legen zu müssen (natürlich wären ein bis zwei Gelege pro Jahr). Es ändert nichts daran, dass auch dort im Schnitt 10% der Hennen im jugendlichen Alter haltungsbedingt sterben, bevor sie – ebenfalls noch im jugendlichen Alter – im Schlachthof ihres Lebens beraubt werden. Auch den täglichen Stress wegen der viel zu großen Gruppen sieht man den Hennen oftmals nicht an. Ein befiedertes Huhn auf der Wiese bedeutet also noch lange nicht, dass es glücklich ist. Man müsste schon sehr genau prüfen, um das „Glück“ der Tiere zu beurteilen, was oftmals nur schwer möglich ist und einen enormen Zeitaufwand bedeuten würde – ungefähr in der Größenordnung, wie es Zeit und Energie erfordert, einer aufgenommenen Katze oder Hund ein einigermaßen bedürfnisgerechtes Leben zu ermöglichen.

Keine systematische Lösung

Die Situation ist zudem so, dass es nur sehr kleine Betriebe sind, die im Verhältnis zu ihrer Tierzahl sehr viel Fläche benötigen, bei denen diese Ausnahmesituationen der augenscheinlichen „guten Haltung“ vorzufinden ist. Das System „Idyllhof“ stellt daher keine Alternative dar, um den Menschen flächendeckend tierische Produkte zur Verfügung zu stellen. Und zwar auch dann nicht, wenn etwas weniger konsumiert würde (der berühmte Sonntagsbraten): größenordnungsmäßig müsste man z.B. den Fleischkonsum schon auf wenige Tage im Jahr beschränken. Durch den exorbitanten Preis solcher Produkte wäre ferner die Folge, dass sie einer privilegierten Oberschicht vorbehalten blieben.

Grausamkeiten am Tier unabhängig von der Haltungsform

Es gibt auch haltungsunabhängige Handlungen am Tier, die den Tieren erhebliche Leiden zufügen. Die Biomilchkühe zum Beispiel, die mitunter augenscheinlich „glücklich grasend“ auf der Weide stehen, werden jährlich zwangsgeschwängert, damit sie Kälber gebären und sie daraufhin überhaupt Milch produzieren. Die Kälber werden ihnen geraubt (je nach Biosiegel mal früher, mal später), damit sich der Mensch die Milch, die sonst das Kuhkind trinken würde, aneignen kann. Ein für Mutter und Kalb grausamer Vorgang. Die überzähligen Kälber werden dann geschlachtet – das ist anders nicht möglich, da sonst diese Welt voller Kälber von Milchkühen wäre. Ohne diese Massentötungen ist Milchherstellung nicht möglich. Auch die Milchkuh selbst ist nach einigen Jahren des Kindergebärens ausgelaugt und „unproduktiv“ und wird weit vor ihrem natürlichen Tode geschlachtet. Ein weiteres Beispiel sind die Legehennen, deren männliche Geschwister am ersten Lebenstag in der Regel geschreddert oder vergast werden, da sie aufgrund ihres Geschlechtes keine Eier legen können und aufgrund ihrer Rasse nicht zum Mästen taugen. Alle Versuche, Hybridrassen systematisch einzusetzen, scheitern – Versuche, es anders zu machen, setzen sich aus ökonomischen Gründen nicht durch. Bemühungen, diese Hähne zu mästen, werden zwar pressewirksam immer wieder in Szene gesetzt, in der Praxis bleiben dies aber Einzelfälle zur Imagepflege der Legehennenhalter.

Die Tötung

Was immer auch nach einem noch so vermeintlich glücklichen Leben folgt, ist die Tötung des Tieres, um dessen Leiche zu vermarkten. Das ist zum einen ein ethisches Problem an sich: Es gibt genügend praktikable, sehr gesunde, schmackhafte Alternativen, sich anders zu ernähren – man tötet also leidensfähige Tiere zur Erzeugung eines Luxusgutes. Zum anderen ist die Schlachtung als solche überaus grausam. Bioschlachtungen unterscheiden sich beim eigentlichen Schlachtvorgang nicht von den konventionellen Tötungsmethoden – lediglich in der Weiterverarbeitung nach der Tötung fordern die Biosiegel verschiedene zu erfüllende Kriterien.

Beispiele: Bioland, Demeter und Naturland

  • Bioland schreibt für Schweine, Rinder, Hühner, Enten, Gänse und Truthähne keinen Quadratzentimeter mehr Platz vor als die EU-Bio-Richtlinie (vgl. Bioland Richtlinien, Punkt 10.6). Der einzige Unterschied ist, dass sich nicht sieben Legehennen ein „Nest“ (so werden Nischen zum Eierlegen beschönigend genannt) teilen müssen, sondern fünf. Und dass es für die Haltung von Wachteln, Tauben und Kaninchen überhaupt Platzvorschriften gibt – wenn auch welche, die dem Bewegungsdrang dieser Tiere Hohn sprechen. Niemand würde eine Katzenhaltung tolerieren, die maximal „15 kg/qm“ vorschreibt. Für Kaninchen, die in Freiheit kaum zu bremsen sind, ist das nicht nur „bio“, sondern sogar „Bioland“, also maximal „artgerecht“.

  • Der anthroposophische Anbauverband Demeter, der sich nach Mondphasen richtet und in Bioläden das Image hat, die Perfektion von „bio“ zu sein, gestattet nach wie vor die Anbindehaltung von Rindern. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die EU-Bio-Richtline spätestens ab 2014 keine Anbindehaltung mehr zulässt – mit Ausnahme der Rinderhaltung in „kleinen Betrieben“. Damit werden beispielsweise Tausende Betriebe in Bayern davor bewahrt, in den Umbau ihrer Ställe zu investieren. Was zum Schutz einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft sinnvoll erscheint, zeigt ein weiteres Mal die Prioritätensetzung auch bei „bio“: Es geht um den Menschen und seine Ökonomie, nicht um die Tiere. Und es zeigt, dass der tierfreundliche kleine Bauernhof von nebenan nicht nur eine Illusion ist, sondern manchmal sogar noch weniger Auflagen erfüllen muss als sein agrarindustrieller Kollege.

  • Deutschlands größter Bio-Eier-Produzent Wiesengold gehört zum Verband Naturland. Nach eigenen Angaben vermarktet das Unternehmen jährlich über 150 Millionen Bio-Eier, also im Schnitt über 400.000 pro Tag. Für das Unternehmen leben circa eine halbe Million Hühner an etwa 30 Standorten in Gefangenschaft. Im Herbst 2012 veröffentlichte das ARD-Magazin Fakt Aufnahmen von Animal Rights Watch (damals noch die Tierfreunde e.V.) aus dem Stammbetrieb des Geschäftsführers Heinrich Tiemann, die die Hühner der Anlage in desolatem Zustand zeigen. Zunächst sprachen Wiesengold und Naturland von einem bedauerlichen Einzelfall wegen einer Erkrankung der Tiere. Eine Woche darauf veröffentlichte PETA ähnliche Bilder aus einer anderen Anlage des Konzerns. In Erklärungsnot geraten, hat Naturland mittlerweile 4 Wiesengold-Anlagen die Mitgliedschaft gekündigt.

    Dass erst Tierrechtsrecherchen zu diesem Schritt geführt haben, zeigt nicht die Kontrollfähigkeit und Selbstheilungskraft des Systems. Naturland hat all diese Betriebe auch vorher schon regelmäßig "kontrolliert". Die Bilder aus den Betrieben zeigen, wie Bio-Legehühner im Normalfall nach ein bis anderthalb Jahren Legemarathon in normalgroßen Bio-"Herden" (3000 Tiere) aussehen. Nicht die erschreckenden Zustände sind der Einzelfall, sondern dass wegen des öffentlichen Aufsehens medienwirksam einige der Anlagen aus dem Verband ausgeschlossen wurden.

Resümee

Die Suche nach der heilen Tierhaltungs-Welt wird immer verrückter. Systematisch ausgeblendet werden Schlachtung, Zwangsschwängerung, Kindesraub, Verzüchtung, Freiheitsentzug und permanentes Ausgeliefertsein. Fühlende Wesen werden zwangsläufig zu nichts weiter als Waren für menschliche Märkte degradiert – ob demeter, bio oder konventionell. Die Suche nach dem Ausnahmebetrieb, bei dem man in einer Momentaufnahme vermeintlich glückliche Tiere sieht, dient der Beruhigung des Gewissens aller Fleischesser, Milchtrinker und Eierkonsumenten. So können sich alle weiterhin einreden, dass ihre Tierprodukte schon nicht so grausam hergestellt wurden. Denn: man kennt ja seine Fleischereifachverkäuferin persönlich.

 
 

Der Biobauer
Die Tierliebe der Biobauern




Bioschweinemast
Bioschweinemast




Biokühe im Biostall
Biokühe im Biostall




Naturland-Hühner
Naturland-Hühner, etwa 1 Jahr alt




Naturland-Huhn
Naturland-Huhn, etwa 1 Jahr alt




Naturland-Huhn
Naturland-Huhn, kurz darauf
(in einem kleinen Bioladen)


V-Heft  
Pfeil

 Das V-Heft

Logo  
Pfeil

 Spenden

Pfeil

 Fördermitgliedschaft